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  • PaulPanzer Rotierer01
  • Sebastian Reich 06 2021 VERschoben Web

    Das Interview: Volker Heißmann & Marin Rassau

    "Das treue Publikum ist
    unser ganz großes Glück"

    Am 22. September 1998 war es soweit: Die Comödie Fürth lud zur Premierenvorstellung – nach neun Monaten Umbau, unzähligen schlaflosen Nächten und einem finanziellen Wagnis, das auch ganz anders hätte ausgehen können. Hier erzählen Volker Heißmann und Martin Rassau, wie es damals, als die Corona-Pandemie noch nicht alles lahmlegte, zuging in jenen verrückten Gründer-Monaten, die das Leben der beiden sowie der gesamten fränkischen Kulturlandschaft für immer verändert hat.


    Die Rollen ihres Lebens: Volker Heißmann und Martin Rassau als die stets zankenden Witwen Waltraud und Mariechen.

    Mitte der neunziger Jahre wurdet Ihr immer erfolgreicher mit der Kleinen Komödie in Nürnberg. Warum seid ihr nicht einfach dort geblieben?
    VH: Das wollten wir auch. Es fing gerade an, richtig gut zu laufen. Aber irgendwie hat uns die Nürnberger Politik geschnitten. Für den damaligen Oberbürgermeister Peter Schönlein war immer ein Logenplatz in unserem Saal reserviert, aber er ist nie gekommen. „Ich vertrete das kulturelle Defizit der Stadt“, hat er nur zu uns gesagt. Auch Kulturreferentin Karla Fohrbeck hat sich nicht für uns interessiert. Und dann kam unsere Fünf-Jahres-Feier am 5. Mai 1996...
    MR: ...das war kurz nach der Kommunalwahl, bei der die CSU die Rathäuser in Nürnberg, Erlangen und Fürth erobert hat. Ludwig Scholz mochte uns sehr, aber Fürths neuer OB Wilhelm Wenning ist über die Stadtgrenze in den Stadtpark gekommen und hat auf der Feier gemeint: „Zwei Fürther haben solch großen Erfolg in Nürnberg, das darf eigentlich nicht sein.“

    Das war der Auslöser für die Übernahme des Berolzheimerianums?
    VH: Noch nicht ganz. Die Idee hat uns jedoch nach diesem Abend tatsächlich nicht mehr losgelassen. Aber damals befand sich noch die alte Bücherei in dem Gebäude.
    MR: Fürth hatte allerdings kein Geld für die Sanierung. Dann kam uns entgegen, dass die Stadt plötzlich eine Million Mark von einer Privatperson geerbt hat. Damit konnte sie zumindest den Umzug der Bibliothek in die American Highschool Library finanzieren. Auf einmal stand das Berolzheimerianum leer. Das war unsere Chance.

    Die Ihr aber nicht nutzen wolltet?
    VH: Wir haben uns zu Viert zusammengesetzt – auch in der Kleinen Komödie waren Michael Urban und Marcel Gasde ja schon mit dabei – und zwei Tage lang in Pflaums Posthotel in Pegnitz beraten. Danach haben wir einstimmig beschlossen, die Finger davon zu lassen.

    Warum das?
    MR: Zu teuer, zu riskant, zu unsicher. Wir dachten, wer soll denn ausgerechnet nach Fürth kommen, um zwei kleine Komödianten wie uns zu sehen? Und dann der furchtbare Zustand des Gebäudes!
    VH: Aber in Nürnberg ging es langsam nicht mehr. Wir hatten immer öfter Stress mit unserem Vermieter. Einmal hat er eine Beschneidungsfeier für den Nachmittag angenommen. Als wir kurz vor unserer Veranstaltung ankamen, waren noch 300 ausgelassene Türken im Raum, alles war geschmückt, keiner wollte gehen. Aber unser Publikum war halt auch schon da.
    MR: Ein anderes Mal haben wir im Kleinen Saal gespielt, weil der große Saal belegt war. Als es dort zu Ende war, sind alle Leute mitten durch unsere Vorstellung zum Ausgang gelaufen. Solche Erlebnisse haben dann doch zu einem Umdenken geführt.

    ...und dann ging gleich der Umbau los?
    VH: Ja, dann haben wir uns entschieden, ins kalte Wasser zu springen. Jeder von uns hat einen privaten Kredit aufgenommen. Insgesamt haben wir zu Viert knapp vier Millionen Mark investiert.

    MR: Und das quasi ohne Sicherheiten. Ich erinnere mich noch: Der Sparkassen-Berater hat noch mehr geschwitzt als wir. Heute, mit den neuen Richtlinien, würden wir das nie wieder bewilligt bekommen! Aber damals ging es nach der Unterzeichnung der Verträge ganz schnell.
    VH: Parallel zu den Arbeiten im Haus haben wir gespielt wie die Verrückten. Der Umbau ist immer teurer geworden. Und wir waren jeden Tag woanders, nur um möglichst schnell wieder Geld reinzubekommen. Eines Tages sind wir in Wassertrüdingen aufgetreten, zwei Vorstellungen hintereinander mit jeweils 2000 Leuten. Es gab Stau, weil die abfahrenden Autos die anreisenden blockiert haben. Das Verkehrschaos wurde sogar im BR vermeldet.

    Gab es unvorhersehbare Probleme während der Sanierung?
    VH: Jeden Tag aufs Neue. Das Haus war völlig marode, wenn man irgendwo eine Leitung aufgemacht hat, kam einem gleich die halbe Wand entgegen. Die abgehängte Decke war zum Beispiel mit lauter Tierhaaren gefüllt.
    MR: Wir haben sogar einen stillgelegten Brunnen gefunden, von dem niemand etwas wusste. Trotzdem mussten wir den Eröffnungstermin einhalten – wir hatten ja schon mit dem Vorverkauf für den restlichen September begonnen, weil wir dringend Einnahmen benötigten. Wir haben praktisch jeden Tag unseren Architekten bedroht, damit er auch wirklich fertig wird!

    Dann kam tatsächlich der große Abend!
    MR: Ja, auf den allerallerletzten Drücker ist alles fertig geworden. Unglaublich, dass das geklappt hat.
    VH: Aber wir konnten nicht wirklich feiern. Wir haben kurz vorher in Nürnberg noch unsere Revue „Showtime“ gespielt, sind dann hier auf die Bühne gehetzt und haben danach während der Party die Gäste bedient, weil wir nicht genug Personal hatten.

    Dafür standen zwei echte OB's als zusätzliche Witwen auf der Bühne...
    VH: Das war ein legendärer Moment. Dass Wenning und Scholz das wirklich gemacht haben, in scheußlichen Frauenkleidern – großartig. Da muss ich heute noch lachen, wenn ich die Bilder sehe.

    Welches Gefühl habt Ihr, wenn Ihr an die letzten 20 Jahre zurückdenkt?
    MR: Vor allem Dankbarkeit, dass uns unser Publikum so lange treu geblieben ist! Das ist unser ganz großes Glück! Nur so konnten wir den Betrieb überhaupt aufrecht halten. Wir haben zwar bis vor kurzem keine Miete bezahlt, aber auch keinen einzigen Euro an Fördergeldern bekommen. Unsere Freunde vom Hamburger Ohnsorg-Theater beispielsweise erhalten über 2,7 Millionen jährlich vom Senat. Davon können wir nur träumen. Aber wir wollen nicht jammern, wir machen das immer noch freiwillig.

    VH: Dankbar sind wir auch, dass wir alle gesund geblieben sind – nur zwei, drei Mal sind unsere Shows wegen Krankheit ausgefallen in all der Zeit. Nicht auszudenken, wenn einer einen längeren Zeitraum nicht spielen hätte können. Aber jetzt ist seit knapp fünf Jahren alles abbezahlt, und wir können auch wieder Geld investieren – in neue Möbel, einen neuen Anstrich oder neue Toiletten. Das ist ein gutes Gefühl.

    Wird es die Comödie Fürth in zwanzig Jahren noch geben?
    MR: Ganz sicher. Aber ob wir beide dann noch auf der Bühne stehen, entscheiden unsere Zuschauer...
    VH: ...und natürlich der liebe Gott. Interview: A. Hock


    1) Ein Klassiker, fast schon so legendär wie das englische Original: "Essn für ann" mit den "Kaltengrubers", 2008 erstmals aufgeführt.
    2) Sorgte für Lachsalven – und das nicht nur bei Kennern der CSU: Die 2012 uraufgeführte Polit-Satire "Bunga Bunga Bavaria".
    3) Liebevoll geschneiderte Kostüme und detailgetreue Kulissen: Neben den grandiosen Akteuren waren diese beiden Komponenten das Besondere im "Keuschen Lebemann" im Jahr 2013.
    4) Alles nur vom Feinsten: Mit "Ein Käfig voller Narren" stellte die Comödie Fürth 2017 ihre bis dahin aufwendigste und teuerste Produktion auf die Beine. "Ein Meisterstück" titelte etwa das Fachmagazin "Musicals" – und aufgrund des riesigen Erfolges kam es Anfang 2019 zum Comeback auf der Comödien-Bühne. (Fotos: Comödie Fürth)